App-Berechtigungen im UX-Design – Die 3 Säulen zum „Ja“

3. Juni 2016 at 15:45
App-Berechtigungen im UX-Design

App-Berechtigungen im UX-Design

Wir kennen das alle: Da gibt es diese App. Die Bewertungen sind hervorragend. Die Funktionen bieten genau das, was ich gerade brauche. Und günstig ist sie auch noch (oder gar kostenlos)! Download und Installation sind fix abgeschlossen und voller Vorfreude starten wir die App zum ersten Mal um dann –

„Die App benötigt deinen Standort“

„Die App benötigt Zugriff auf dein Adressbuch und alle Kontakte“

„Die App benötigt Zugriff auf die Kamera“

„Die App benötigt Zugriff auf deine Web-Aktivitäten“

– und schon haben wir die App gelöscht. Zum Vermeiden dieses Szenarios bietet es sich an, eine Berechtigungs-Strategie zur Hand zu haben, die für den App-Nutzer so verständlich wie sinnvoll ist. Aber wie soll das gehen?

Vorab eine Zahl zur Orientierung: Allein im Mai 2016 wurden rund 65 Milliarden Downloads im Google Play Store verzeichnet. 65 Milliarden Downloads. Schade nur, dass viele der heruntergeladenen Apps die ersten 10 Minuten auf dem Smartphone nicht überleben – weil sie fast sofort wieder gelöscht werden.

Warum landen viele Apps innerhalb der ersten 10 Minuten in der Tonne? Apps, die einwandfrei programmiert sind, ihren Zweck erfüllen und mit einem gut durchdachten Design einherkommen? Das könnte unter anderem an den Berechtigungen liegen.

Berechtigungen sind im App-Design unumgänglich. Viele Apps benötigen Zugriff auf bestimmte Bereiche innerhalb eines Smartphones, damit sie funktionieren. Die beste Navigations-App bringt wenig, wenn sie nicht auf den Standort zugreifen darf. Da diese Bereiche zum Schutz des Nutzers jedoch standardmäßig gesperrt sind, werden von der App bestimmte Berechtigungen beim App-Nutzer abgefragt.

Anders formuliert: Die App bittet den Nutzer um Erlaubnis, auf bestimmte Bereiche seines Smartphones zuzugreifen. Ob ein Zugriff auch gewährt wird hängt von der Art und Weise ab, wie der Nutzer gefragt wird.

Eine Berechtigungs-Strategie hilft nicht nur dabei, dem App-Nutzer die Entscheidung zu erleichtern, ob er eine Berechtigung erteilen möchte oder nicht. Sie hilft auch dabei, dem Nutzer eine möglichst positive App-Erfahrung ohne Reibungspunkte und störende Unterbrechungen zu bieten. Hierbei gilt es drei Kernpunkte zu beachten: Das Timing, den Kontext und die Transparenz.

: Statt Willkommensnachricht gibt es bei „AlertsPro“ bei Erstaufruf eine Reihe von nicht aussagekräftigen Berechtigungsanfragen

Statt Willkommensnachricht gibt es bei „AlertsPro“ bei Erstaufruf eine Reihe von nicht aussagekräftigen Berechtigungsanfragen

Das Timing:

Macht es Sinn, alle Berechtigungen bei Erstaufruf der App abzuarbeiten, so dass der Nutzer im Folgeverlauf nicht mehr von Anfragen gestört wird? Was auf den ersten Blick verständlich erscheint, wirft jedoch von Nutzersicht aus eine Gegenfrage auf: Lässt der App-Nutzer sich auf das weitere Erleben der App ein, wenn er direkt zu Anfang durch zu viele, ggf. unverständliche Anfragen unterbrochen wird?

Ein App-bezogener Einstieg, z. B. in Form einer kleinen Vorstellung oder eines kurzen Walkthroughs, schafft einen ersten Eindruck und vor allem eine Relevanz der App für den Nutzer. Wenn er sich dem Mehrwert der App bewusst ist, wird es ihm leichter fallen, auf bestimmte Berechtigungsanfragen einzugehen.

Runtastic gibt bei Erstaufruf einen kleinen Überblick über Funktionen und bereitet im Anschluss daran erklärend auf die Berechtigungsanfrage vor

Runtastic gibt bei Erstaufruf einen kleinen Überblick über Funktionen und bereitet im Anschluss erklärend auf die Berechtigungsanfrage vor

Je höher die Anzahl der Berechtigungsanfragen auf einmal ist, desto größer wird das Hindernis für den Nutzer, tatsächlich auf die App zugreifen zu können – und auch zu wollen. Hier gilt es, die Hemmschwelle mit möglichst wenigen Anfragen auf einmal zu senken. Welche Berechtigungsanfragen sind für die initiale Funktionalität der App unumgänglich und welche werden erst in sekundären Schritten relevant? Letztere lassen sich zu einem späteren Zeitpunkt, idealerweise im Kontext, ausspielen.

Ist eine Berechtigung nur für eine bestimmte Funktion innerhalb der App relevant, muss diese nicht direkt zu Anfang angefragt werden.

Bei Instagram werden sekundäre Berechtigungsanfragen erst bei Aufruf der entsprechenden Funktion aktiviert zusätzlich erklärt, wofür diese Berechtigung erteilt werden muss.

Bei Instagram werden sekundäre Berechtigungsanfragen erst bei Aufruf der entsprechenden Funktion aktiviert zusätzlich erklärt, wofür diese Berechtigung erteilt werden muss.

Der Kontext

Wenn ein Paketbote eines Tages vor der Tür steht und fragt, ob dein Mixer funktioniert – so fühlt sich eine Berechtigungsanfrage ohne jeglichen Zusammenhang an. Wofür wird diese Berechtigung benötigt und warum wird die Anfrage gerade jetzt gestellt? Um beim Nutzer jegliche Verwirrung zu vermeiden können Berechtigungsanfragen genau dann gestellt werden, wenn sie für eine Funktion relevant werden. Das hat den Vorteil, dass der App-Nutzer eher zu einer Zusage tendiert, wenn es eine für sie relevante Funktion, die sie gerade nutzen wollen, zugänglich macht. Das Interesse an der Funktion ist akut vorhanden und die kleine Unterbrechung im Ablauf steigert die Neugier. Wenn innerhalb der Anfrage auch noch ein Mehrwert für den Nutzer kommuniziert wird, spornt das doppelt an.

Die Transparenz

Wenn die zuvor erwähnte Navigations-App nach der Berechtigung fragt auf den Standort des Geräts zugreifen zu dürfen, ist der Grund für diese Berechtigungsanfrage klar und benötigt keine weitere Aufklärung. Wenn allerdings eine Taschenlampen-App nach der Berechtigung für die Nutzung der Smartphone-Kamera fragt, wirft das ggf. Fragen auf. Der Nutzer möchte nachvollziehen können, wofür er seine Berechtigung gibt und ist gewillter, eine Berechtigung zu erteilen, wenn er sie auch versteht. Eine kurze Erklärung dazu, wofür eine Berechtigung benötigt wird und was die App mit den erfassten Informationen anstellt, hilft dabei, die Hemmschwelle beim Nutzer abzubauen.

Es schadet auch nicht, die Erklärung grafisch zu unterstützen – Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte.

In manchen Fällen kann es auch Sinn machen, den Nutzer im Vorfeld bereits auf eine Berechtigungsanfrage vorzubereiten. Wenn man eine Berechtigung wegen Unverständnisses nicht erteilt und dann bemerkt, dass sie eigentlich doch ganz nützlich ist, ist es ein umständlicher Prozess, diese Berechtigungsverweigerung systemseitig auf dem Smartphone wieder rückgängig zu machen.

Ein erklärendes Overlay vor dem Spielen der Berechtigungsanfrage erleichtert das Verständnis und hilft dem Nutzer dabei, die Anfrage zu verstehen und am Ende auch zu akzeptieren.

Instagram verweist bei abgelehnter Berechtigung auf die Folgen und bietet einen Lösungsvorschlag

Instagram verweist bei abgelehnter Berechtigung auf die Folgen und bietet einen Lösungsvorschlag

Und wenn die Berechtigung mal abgelehnt wird?

Das passiert immer wieder und gerade hier sollte man den Nutzer nicht damit alleine lassen. Eine Info über die Folgen der abgelehnten Berechtigung und  ein Lösungsvorschlag (z. B. mit Verlinkung zum entsprechenden Einstellungs-Menü) schaffen meist schon Abhilfe und unterstützen den Nutzer dabei, die Bereichtigungs-Verweigerung rückgängig zu machen.

TL;DR

Berechtigungen müssen aus Nutzersicht kein Hindernis sein! Eine für die App individuell ausgestaltete Berechtigungs-Strategie unterstützt ihn beim positiven Erleben und Verstehen der App, so dass sie möglicherweise auch länger als 10 Minuten Bestand auf dem Smartphone hat.

Learnings:

  • Berechtigungsanfragen nicht direkt als erstes ausspielen, sondern erst nach einer Einführung in die App
  • Berechtigungen priorisieren und Anfragen entsprechend aufteilen (App-kritische Berechtigungen zuerst, sekundäre Berechtigungen zu einem späteren Zeitpunkt)
  • Berechtigungsanfragen in verständlichen Kontext setzen
  • Berechtigungen erst anfragen, wenn sie tatsächlich für die Funktionalität der App relevant werden
  • Auch nach Ablehnen einer Berechtigungsanfrage weiter informieren und Möglichkeiten zur Lösung bieten

 

Links:

Statistik:
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/243412/umfrage/anzahl-von-downloads-im-google-play-store/

Quellen:
http://babich.biz/mobile-ux-design-the-right-ways-to-ask-users-for-permissions/
http://academy.pulsatehq.com/mobile-app-permissions
http://savvyapps.com/blog/how-to-create-better-user-permission-requests-in-ios-apps