Was Web- und UX-Designer von Pokémon Go lernen können

8. August 2016 at 09:54
Pokémon Go aus der Sicht eines Webdesigners

Pokémon Go aus der Sicht eines Webdesigners

Ich war die Tage am deutschen Eck in Koblenz – der Ort, an dem Rhein und Mosel zusammenfließen und an dem der steinerne Kaiser Wilhelm I. in Übergröße über die Touristen, Anwohner und seit den letzten Wochen auch über Pokémon-Go-Spieler wacht. Das übergroße Monument Kaiser Wilhelms I. ist jetzt nicht mehr nur ein Andenken an den erfolgreichen Vereiniger Deutschlands, sondern auch eine Pokémon-Arena, die heute ganz besonders lebhaft umkämpft wird. Die zahlreichen Pokémon-Trainer haben das deutsche Eck mit ihrer Camping-Ausrüstung, ihren Smartphones, respektiven Powerbanks und Musikanlagen komplett für sich eingenommen.

Während sich viele darüber streiten, ob diese Entwicklung etwas Gutes oder Schlechtes für die Gesellschaft darstellt, gehe ich heute darauf ein, was wir (ob Pokémon-Fan oder -Gegner) von der erfolgreichen App als Web- und UX Designer lernen können.

Ein kurzer Überblick: Was ist Pokémon Go?
Pokémon Go ist eine kartenbasierte Spiele-App, die mit Augmented Reality Technologie die digitale Welt mit dem unmittelbaren Umfeld des Spielers verbindet. Die App bewegt sich mit dem Spieler in Echtzeit durch die Umgebung, in der sich der Spieler aktuell befindet, und setzt in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Pokémon zum Einfangen an diesen Ort. Mit Hilfe der Smartphone-Kamera können die Pokémon, die auftauchen, in der realen Welt dargestellt werden. An Pokéstops, die an POIs (Points of Interest) generiert werden, kann der Spieler seinen Vorrat an Pokébällen und weiteren nützlichen Items sammeln.

Lassen wir den offensichtlichen Fan-Aspekt und Hype-Charakter einmal außen vor, bietet sich uns eine App mit vielen Facetten, aus denen wir unsere Learnings ziehen können.

Die traditionelle Einführung und Individualisierung stehen bei Pokémon Go an erster Stelle

Die traditionelle Einführung und Individualisierung stehen bei Pokémon Go an erster Stelle

Onboarding
Neben einer kurzen Einführung in die Welt von Pokémon (traditionsgemäß durch einen Pokémon-Professor) werden einfache Tools zur Individualisierung sowie ein kurzes Walk-Through/Tutorial angeboten, in denen die ersten Spielschritte intuitiv erlernt werden können und zugleich das erste Pokémon gefangen werden kann. Eine Anleitung an sich gibt es auch – diese ist für Anfänger aber zunächst schwer auffindbar und deckt leider nicht alle, für den Spieler wichtigen, Bereiche ab. Kein Problem für Pokémon-Fans, aber Neueinsteiger müssen sich hierbei auf Google und Mitspieler verlassen.

Learning:

  • Dem Nutzer einen einfachen und unkomplizierten Einstieg ermöglichen
  • durch Individualisierung o. Ä. von Anfang an eine emotionale und persönliche Verbindung aufbauen
  • Erfolgserlebnisse schaffen
  • Hilfestellung für das Interface bieten
Verschiedene Fehlermeldungen innerhalb der App

Verschiedene Fehlermeldungen innerhalb der App

Fehlermeldungen
Einer der wohl bekanntesten und am meisten geteilten Screens seit Launch der App ist die Meldung zum Serverfehler. Auch wenn diese Fehlermeldung die meisten Pokemon-Go-Spieler, allein wegen seiner Bedeutung, zur Verzweiflung getrieben hat, helfen die einladende Grafik und der ehrliche und leicht schelmische Text bei der Entschärfung der Spielerreaktion.

Leider ziehen sich diese Transparenz und der „Galgenhumor“ bei Fehlermeldungen während des aktiven Spielverlaufs nicht durch. Der rote Fehler-Balken klärt nur bei fehlendem GPS auf und weckt allenfalls Frustration.

Learnings:

  • Über Fehler sinnvoll und im Kontext aufklären
  • Situation ggf. mit Hilfe von grafischen/textlichen Elementen entschärfen
Hinweise werden vor dem aktiven Spielbeginn ausgegeben

Hinweise werden vor dem aktiven Spielbeginn ausgegeben

In-App-Meldungen allgemein
Hinweise werden innerhalb der App immer in einem gewissen Kontext dargestellt, ohne den tatsächlichen Spielfluss zu stören. So wird beispielsweise im Ladescreen beim Starten der App darauf hingewiesen, seine Umgebung beim Spielen im Auge zu behalten. Seit dem Update von letzter Woche gibt es zusätzlich beim Einstieg in die Kartenansicht direkt nach Start der App noch einmal rotierende Hinweis-Pop-ups zum Umgang mit dem Spiel (nach den Nachrichten der letzten Wochen zu diversen Unfällen und Hausfriedensbruch ein durchaus verständlicher Schritt). Durch die Rotation wird bei jedem App-Start ein anderer Hinweis angezeigt und eine Informationsflut verhindert.

Learnings:

  • Hinweise möglichst so platzieren, dass sie den Nutzerablauf nicht stören
  • Hinweise in einen verständlichen Kontext setzen
  • keine Hinweis-Flut provozieren
Das Interface von Pokémon Go ist übersichtlich und leicht verständlich

Das Interface von Pokémon Go ist übersichtlich und leicht verständlich

Das Interface Design
Das Interface bei Pokémon Go ist sehr schlank und intuitiv gehalten und verbirgt sich hinter einem einfachen Pokéball-Icon (oder auch Floating Action Button). Da dieser analog zu dem Home-Button der meisten Smartphone-Interfaces angelegt ist, weiß der Pokémon-Spieler sofort und intuitiv, wie er in das Menü gelangt. Bei Tipp auf das Icon entfaltet sich das Interface und das Spielfeld tritt in den Hintergrund.

Neben aussagekräftigen Icons ist jeder Menüpunkt zusätzlich noch mit einer kurzen Beschriftung versehen, sodass der Spieler die Struktur des Interfaces schnell und unkompliziert erfassen kann.

Sowohl Menüs als auch Aktionseinstiege mit sauberer Gliederung

Sowohl Menüs als auch Aktionseinstiege mit sauberer Gliederung

Die kurzen Tipp- und Scrollwege werden durch verspielte, kleinere Animationen, übersichtliche Gliederung der einzelnen Designelemente und einem gut lesbaren Font zum schnellen Erfassen von Pokémon-Namen visuell aufgewertet und abgerundet.

Learnings:

  • Das Interface übersichtlich und schmal gestalten
  • intuitive Steuerung ermöglichen
  • kurze Klick-/Tippwege, sodass der Nutzer schnell und unkompliziert an sein Ziel gelangt
  • ein ausgewogenes Design ohne übertriebene Spielereien
Benefits motivieren den Spieler zur Interaktion und zeigen bisherige Erfolgserlebnisse auf

Benefits motivieren den Spieler zur Interaktion und zeigen bisherige Erfolgserlebnisse auf

Gamification
Bei Pokémon Go ist der Spieler aktiv gefordert (was nicht ungewöhnlich ist, da es sich um eine Spiele-App handelt). Zum Ausbrüten von Pokémon-Eiern muss man z. B. eine bestimmte Anzahl an Kilometern laufen. Zum Fangen von Pokémon muss man regelmäßig Pokéstops aufsuchen, damit einem der Vorrat an Pokébällen nicht zur Neige geht. Und natürlich muss man jede Menge Pokémon fangen, um seinen Pokédex zu füllen und das nächste Level zu erreichen. Für jede dieser Interaktionen gibt es allerdings im Gegenzug auch eine Belohnung. Die Spiele-App arbeitet hier abgesehen von den Level-Ups und nützlichen Items, die teilweise zur Belohnung ausgeschüttet werden, auch mit einem Medaillen-System, über das jede Interaktion abgehandelt wird. Diese Medaillen bringen einem grundsätzlich nichts weiter, als das Recht zu prahlen – aber jede verdiente Medaille gibt dem Spieler das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Learnings:

  • Den Nutzer mit Benefits zu aktiven Interaktionen motivieren
  • spielerisch mit bestimmten Must-dos umgehen

Eine gute Planung
Wer die Entwicklungen zu Pokémon Go verfolgt hat, kennt die vielen Beschwerden und Probleme, die fast zeitgleich mit den Launch der App ans Tageslicht gerieten: Die Server brachen kontinuierlich unter der Last zusammen, essentielle Spielefunktionen (sprich: das 3-Schritte-Tracking-System) waren defekt, Spieler konnten sich nicht einloggen, etc.

Mit der Zeit haben die Server-Chrashes merklich nachgelassen und nach dem letzten Update läuft das Spiel allgemein flüssiger mit verkürzten Ladezeiten. Da der Mensch im Allgemeinen jedoch nachtragend ist, stehen diese Probleme nach wie vor weit im Vordergrund.

Mit entsprechender Vorbereitung und Planung lassen sich die Chancen auf solche Ärgernisse bereits im Vorfeld verringern. Nach außen hin wirkt es zunächst einmal, als hätten sich die Macher der App im ersten Schritt übernommen.

Learnings:

  • Ausführliche Testphase vor dem Launch
  • bei Unsicherheiten ggf. etappenweiser Launch (nicht alle Features auf einmal);

Emotionen und Nostalgie
Warum ist Pokémon Go trotz aller Fehler und Probleme so erfolgreich? Dieser Kommentar eines Mitspielers, dessen Spiel abermals genau in dem Moment einfror, als er gerade seinen Pokéball auf dieses eine Pokémon warf, das er unbedingt haben wollte, fasst es für mich perfekt zusammen:

„Wenn es nicht Pokémon wäre, ich würde die App jetzt löschen!“

Abgesehen von dem spannenden Spielerlebnis und dem Augmented-Reality-Faktor spielt Nostalgie eine große Rolle. Pokémon hat viele Kindheiten geprägt und begeistert – was sich jetzt bei diesem Spiel auszahlt. Das zeigt, dass ein gutes Storytelling mit dem richtigen Thema fast alles wieder rausreißen kann.

In diesem Sinne wünsche ich allen Pokémon-Trainern da draußen ein sicheres und spannendes Fangerlebnis!

Euer Team-Intuition-Mitglied aus der brandung